Ziemowit Szczerek: „Sieben“, Übersetzung: Thomas Weiler

Fußnoten entlang der Sieben

Ziemowit Szczerek greift auch in Sieben – Das Buch der polnischen Dämonen (OT: Siódemka), seiner 2014 im Krakauer Verlag Korporacja Ha!art erschienenen Tour de Force durch die polnische Provinz, lustvoll in die Mottenkiste, in der das kulturelle Gedächtnis der Nation schlummert. Was dem polnischen Publikum da an muffig-süßlich, schmerzlich Vertrautem um die Ohren fliegt, muss sich der entfernteren Leserschaft bisweilen entziehen. Mag sein, dass auch dem Übersetzer noch manches durch die Lappen gegangen ist. Die Anmerkungen im Anhang der gedruckten Fassung sollen ihren Teil zur Kontextualisierung beitragen. Aber in diesem Text klingt so viel an, dass es lohnend erscheint, sich auch noch auf die Notenspur zu begeben. Die hier folgenden Ton- und Bildschnipsel, gespeist aus den Recherchen des Übersetzers, wollen Anstoß geben, dem Text auf weiteren Ebenen nachzuspüren.

Seite 7

Seven deadly sins,
seven ways to win,
seven holy paths to hell,
and your trip begins.

Seven downward slopes,
seven bloodied hopes,
seven are your burning fires,
seven your desires …


Iron Maiden: Moonchild

Diese Zeilen aus Moonchild, dem Eröffnungsstück des Albums Seventh Son of a Seventh Son (1988) von Iron Maiden sind dem Roman vorangestellt. Los geht’s mit Zahlenmystik, bösen Geistern und Heavy Metal, die Höllenfahrt kann beginnen, hinein in ein Land, das alljährlich den Schülermalwettbewerb „Die sieben Hauptsünden“ auslobt.

Seite 10

Dir ganz persönlich, Paweł, gefällt diese Dunkelheit und dieses geisterhafte Schlammgeschmatze, die Zeit, in der die zerlumpten slawischen Gottheiten und die verlotterten slawischen Dämonen der Erde am nächsten sind, während Polen, dein Heimatland, außerstande ist, das dunkle Geschmatze in den Griff zu bekommen, das wirst du zugeben. »Das Assipack schmatzt sich durchs Dauerdunkel«, um mit einem Quasi-Klassiker zu sprechen.

Der Quasi-Klassiker ist der polnische Punkrocker Kazik Staszewski, die Zeile stammt aus dem Stück Nie lubię już Polski (Ich mag Polen nicht mehr) vom Album Oddalenie (1995). Hier besingt er den Herbst, der nicht golden ist, sondern siffig.

Seite 13f

Zum Beispiel vor dem Asmodeusz in der Starowiślna, standen [jede Menge Normalometaller] im Kreis und ließen die Matten wirbeln wie Windmühlenflügel, und auf dem Boden, mittendrin, lag ein kleiner MP3-Player mit eingebautem Lautsprecher und brüllte wie ein Bär.
»Wor-sou sitti ät wor«, brüllte er.
»Woises fromm andergrand«, brüllten die Metaller. »Vispers of friedem!«
»Nein-tien-forti-for…«
»Hełp det näver käm!«
Dann vereinigten sie sich zu einem hysterischen, fast am Falsett kratzenden Schrei:
»Warszawo, waaaalcz!«


Zeilen aus dem Song Uprising der schwedischen Band Sabaton vom Album Coat Of Arms (2010), einem Stück über den Warschauer Aufstand der Polnischen Heimatarmee gegen die deutsche Besatzungsmacht in Warschau vom 1. August bis zum 1. Oktober 1944. Der Kampfruf bedeutet schlicht: „Warschau, kämpfe!“ Die Kombination aus Rockkonzert und Dokufiktion im Video mag befremdlich sein, die Musik verfehlt aber offenbar nicht ihre Wirkung, wenn der entsprechende Alkohol- oder Elixierpegel erreicht ist.

Seite 16

Der Barmann war schon voll und empfahl eine neue Version des Wilden Hundes, die er, wie er behauptete, eben erst erfunden hatte, »für Hardcoreler«, wie er es ausdrückte. Scheinbar nichts Besonderes, der Klassiker, unten Himbeersirup, also Rot, oben Weiß, aber kein Wodka, sondern reiner Spiritus mit einem Tropfen Tabasco für den Geschmack. Das könnte man anzünden, meinte er, wie die Drinks in Asche und Diamant, weil Spiritus brennt, im Gegensatz zu Wodka. Er stellte die Kurzen nebeneinander auf den Tresen und zückte ein Feuerzeug.
»Zum Gedenken an …«, er sah zu Radosław, »aha, Józef Piłsudski.« Der erste Drink brannte. »An«, er sah sich um, erblickte Rumburak, »aha, an Václav Havel.« Die zweite Flamme.


In Andrzej Wajdas Verfilmung des Romans Asche und Diamant (Popiół i diament von Jerzy Andrzejewski (1958) zündet Maciek Chełmicki (Zbigniew Cybulski) zum Gedenken an fünf gefallene Mitstreiter fünf mit Spiritus gefüllte Gläser an. Die Gläser sechs und sieben bleiben für ihn selbst und für Andrzej (Adam Pawlikowski) übrig. Der Roman liegt auch auf Deutsch in einer Übersetzung von Henryk Bereska vor.

Seite 17

»Seht ihr, der hat gleich erkannt, dass ich Vášek Havel bin, mit dem ich mal in Hradčany eine geraucht hab«, sagte Rumburak zu euch.
»Das hab ich«, erwiderte der betrunkene Barmann, »weil ich tschechophil bin. Ich hab sämtliche Zelenka-Filme zu Hause und die gesammelten Dramen von Vášek Havel und als Klingelton auf meinem Handy ein Lied aus
Limonaden-Joe. Sou far tu ju ai mäi. Deshalb arbeite ich auch in der Kneipe, die Kneipe ist nämlich das Allerheiligste für einen echten Tschechophilen, Wohlsein!«

Karel Gott schmettert in der tschechoslowakischen Westernparodie Limonádový Joe aneb Koňská opera (1964) von Oldřich Lipský dieses Lied mit dem schönen Text „So far to you I may for tonight me to say …“

Seite 18

Du bliebst allein zurück mit Józef Piłsudski und seinen angesengten Schnurrhaaren, und ihr saht euch, eine Kippe im Mund, die Show vor dem Piękny Pies an und redetet aus Langeweile irgendwann über Russland, denn wenn es nichts zu reden gibt, kann man immer gut über Russland reden.
»In Russland ändert sich nichts und wird sich auch nie was ändern«, behauptete der Untote Piłsudski, der Russistik an der Jagiellonen-Uni studiert hatte. »Schon der Marquis de Custine hat geschrieben, wie es ist, und so ist es immer noch.«

Titelblatt von Adolphe de Custines Rußland im Jahre 1839 (OT: La Russie en 1839). Quelle: Uni Münster

Man beachte, dass der Name des Übersetzers Dr. August Diezmann auf dem Titelblatt des ersten Bandes der Leipziger Erstausgabe von 1843 deutlich stärker hervorgehoben ist als der des französischen Autors.
Stellenweise lässt sich Custine auch ganz gut auf die Szczerek-Lektüre übertragen:
„Man kann mir vielleicht Vorurtheile zur Last legen, gewiß aber nicht den Vorwurf machen, daß ich die Wahrheit wissentlich entstelle.“
„Jede Mißbilligung halten sie [„diese Orientalen“, d.s. die Russen] für einen Verrath; jede harte Wahrheit nennen sie eine Lüge und sie werden deshalb schwerlich erkennen, welche zarte Verwunderung unter meinem scheinbaren Tadel und welches Mitgefühl, in gewisser Hinsicht, unter meinen strengsten Bemerkungen liegt.“ (Vorwort)
1844 erschien im selben Verlag Eine kritische Beleuchtung obgenannter Schrift von Wilhelm von Grimm. Der Rezensent (nicht zu verwechseln mit dem Märchen- und Wörterbuch-Grimm) meint, es sei ihm ein Leichtes, „[d]ie Unwahrheiten und fälschlichen Berichte des Herrn Custine über Rußland zu widerlegen, […] da ich, zwar ein geborner Deutscher, in Rußland erzogen wurde und vermöge meiner dasigen Stellung das gesellige Leben in den verschiedenartigsten Kreisen kennen lernte.“ Doch greift auch er sogleich zu Klischee und Pauschalurteil: „Freilich muß man bedenken, daß überhaupt den Franzosen das genaue und mühsame Forschen über einen Gegenstand fast gänzlich abgeht, so wie ihr ganzes Wesen flüchtig und oberflächlich ist. […] Herr Custine muß wahrscheinlich ein Hypochonder sein und allem Vermuthen nach oft an Nervenstörungen leiden, wodurch sein Verstand und seine Intelligenz oft getrübt erscheint, und deshalb hat er unser ganzes vollstes Mitleid erregt. Er wiederholt sich sehr oft und plaudert so viel ungereimtes, läppisches Zeug unter einander, daß wirklich eine französische Zunge dazu gehört, um solche einfältige Schwätzereien auszusprechen.“

Seite 28

Du suchst dir den nächsten Sender, eine Talkshow, der Moderator analysiert Radiowerbung und kommt auf den Trichter, dass in Polen vor allem Mittel gegen Verdauungsstörungen, Sodbrennen und Blähungen beworben werden. Als Beleg bittet er den Regisseur, den er mit »Teddy« anspricht, eine Beispielwerbung einzuspielen, und Teddy spielt: »Bist du aufgebläht wie Hölle, spielt im Bauch die Blaskapelle.«

Dieses Jingle gibt es tatsächlich, nachzuhören hier:

Aber auch das Deutsche kennt das Genre der Verdauungslyrik und hat Preziosen hervorgebracht wie „und Hämorrhoiden geben Frieden“.

Seite 29

»Heut’ ist mein letzter Sodbrand« (auf die Tangomelodie von Der letzte Sonntag), »ich will dich nicht mehr leiden, morgen werden wir scheiden für alle Zeit. Fräß’ ich auch hundert Broiler, hätt’ ich doch keinen Sodbrand – das ist gewiss.« Nach einer dramatischen Pause setzt der Sänger mit noch dramatischerer Gänsehautstimme wieder ein: »Denn ich hab mein Sodigast, es ist für mich geschaffen, Sodbrand strecke die Waffen, für alle Zeit.«

Der letzte Sonntag
(To ostatnia niedziela), eine Komposition von Jerzy Peterburski, wurde bekannt durch eine Einspielung von Mieczysław Fogg aus dem Jahr 1935/36. Dass im Deutschen „Sonntag“ und „Sodbrand“ so schön assonnieren, nahm der Übersetzer dankbar hin.

Seite 32

Und du siehst das erste der sieben Sieben-Wunder. Das erste Wunder der Sieben.
Du fährst eben unter eine Eisenbahnbrücke, auf der Sprayer ein Bild von König Jan Sobieski und der siegreichen Schlacht am Kahlenberg hinterlassen haben. Das gefällt dir: Die Schlacht bei Wien auf einem scheußlichen Trumm von Betonviadukt […].

Seite 33

Den Parkplatz entlang erstreckt sich Betonpflaster, wahrlich, ich sage euch, sollte in Polen dereinst eine Revolution ausbrechen, wird ihr Symbol der Pflasterstein sein.
Wir haben Flaschen mit Benzin und Pflastersteine, alles nur für dich, nur für dich.


Titelzeile aus dem Song Butelki z benzyną i kamienie der Alternative-Rock-Band Cool Kids of Death aus deren Debütalbum (2002). Das Pflaster hat allerdings der Autor noch draufgeklebt, die Cool Kids werfen mit simplen Steinen.

Seite 35

Und in diesem ganzen Wirrsal steht, man stelle sich vor, der Hexer Geralt und hält den Daumen raus.
Du machst Augen wie Mandarinen, siehst noch mal hin und willst es nicht glauben: Geralt. Langes weißes Haar, die lederne Hexerkluft, sogar der Schwertgriff ragt über der Schulter auf, nur seine Stute Plötze ist nirgends zu sehen, aber wahrscheinlich fährt Geralt genau deshalb per Anhalter.


Geralt von Riva, die Hauptfigur der Hexer-Saga des polnischen Fantasy-Autors Andrzej Sapkowski, kennt man hierzulande vielleicht eher aus den Videospiel-Adaptionen, die als The Whitcher erschienen sind. Dabei gibt es DIE SAGA auch in der deutschen Übersetzung von Erik Simon. Hier das Porträt eines Cosplayers, auch wenn der nicht den traurig-verkaterten Gerardblick vorweisen kann.

Quelle: Wikimedia Commons

Seite 43f

Jedenfalls lässt er die Platte aufblitzen wie sonst der Hexer sein Schwert und will sie mit einer geschmeidigen Bewegung in den Player gleiten lassen, aber da ist noch eine andere drin, und er muss erst auf EJECT drücken, warten, bis sich die alte mit einem leisen Summen herausgeschoben hat, und kann seine erst anschließend einschieben, was die Geschmeidigkeit dieser beschissenen Bewegung doch empfindlich stört. Dann wählt er auf dem Display noch die passende Nummer.
»Bappteist in faja, forti tu wann«, dröhnt es aus den Lautsprechern.


Stück der schwedischen Metalband Sabaton (40:1) über die Schlacht bei Wizna im September 1939 vom Album The Art of War (2008). Der Titel spielt auf das Kräfteverhältnis von Angreifern zu Verteidigern an.

Seite 45

»Fledermäuse! Überall Fledermäuse! This is bat country! Du bist auch …«, er starrt dich entsetzt an, »eine bat!« Der Hexer Gerard reißt den Sicherheitsgurt los, reißt ihn mit gewissermaßen übermenschlicher Kraft raus, ohne das rote Knöpfchen mit dem PRESS zu drücken, jaja, die Hexerelixiere, Stärke: plus eine Million, wirft sich plötzlich gegen die Tür und öffnet sie bei voller Fahrt. Du bringst den Wagen mit quietschenden Reifen zum Stehen.

In der Anfangsszene von Hunter S. Thompsons Fear and loathing in Las Vegas (das schon für Szczereks Mordor kommt und frisst uns auf wegweisend war) sieht Duke im Chevy Kabrio auf dem Weg von Los Angeles nach Las Vegas unter Drogen Fledermäuse und versetzt einen Anhalter in Angst und Schrecken. Dazu brüllt der Kassetten-Rekorder Sympathy for the Devil. Ein Blick in die entsprechende Szene der Verfilmung von Terry Gilliam (1998) macht deutlich, wie geschickt Szczerek das Death Valley mit der polnischen Landesstraße Nr. 7 überblendet hat.

Seite 72f

Die Smakosz-Bar sieht aus wie eine Smakosz-Bar an der Landesstraße nur aussehen kann: Bogenfenster, weil das angeblich schöner ist, stilvoller, irgendwas, älter, mittelalterlicher. Wenn das so wäre, denkst du, wären sie perfekt auf das Mäuerchen abgestimmt, aber der orangefarbene Putz, den sie auf die gesamte Smakosz-Bar gekleistert haben, macht den Mittelaltereffekt wieder zunichte. Und das grüne Wellblechdach. Und das gelb-rote Schild. Und die Schwäne aus geweißten, filetierten Autoreifen auf dem Rasen.

Hier geht’s zu einem Tutorial, in dem mit englischen Untertiteln Schritt für Schritt erklärt wird, wie man einen alten Autoreifen in einen dekorativen Schwan verwandelt.

Seite 74

Du siehst dich um in dem dunklen, mit Holzbänken vollgestellten Raum. An einer Wand hängt die Vorkriegsdarstellung eines Schutzengels, der ein Kind vor dem Sturz von der Klippe bewahrt, dabei hätte man ihm schon dafür, dass er das Kind auf diesen gefährlichen Felsen hat hochklettern lassen, den Arsch versohlen müssen, dass die Federn fliegen.

Matthäus Kern: Schutzengel, 1840, Aquarell auf Papier. Quelle: Wikimedia Commons

Seite 78

»Und wie ich nach Iłża gefahren bin, ich weiß nicht, warum ich immer am meisten nach Iłża fahren wollte, vielleicht weil bei mir zu Hause so eine Kartinka aus Iłża an der Wand hängt, da hat es das Schloss auf dem hohen Fels, da hat es das kleine Gorodok hinter der Mauer, den breiten Fluss, ich habe Iłża immer am schönsten vorgestellt, ja, so eine jewropäische Idyllie, wot …«, seufzt sie.

Die „Kartinka“ dürfte eine Reproduktion des 1696 in Nürnberg von Erik Dahlbergh und Samuel Pufendorf erstellten Stiches von Ÿltze sein, der auch als Digitalisat der Polnischen Nationalbibliothek vorliegt.

Seite 84

Kühlerhaube und Scheinwerfer sind zerdeppert. Beide Vorderreifen sind irgendwie platt, seufzend schaust du dir das kleine Kreuz, das du umgemäht hast, genauer an. Adrian Maciąg wirft dir von seinem Foto einen vorwurfsvollen Blick zu, ein kleiner, finsterer Tyrann. »Zur hellsten Mittagsstunde erlosch für ihn die Sonne«, steht unter dem Foto, und weiter: »Ein neuer Engel ist im Himmel.«
Alles klar.
Das Wegkreuz liegt ein Stückchen weiter weg. Jesu Hände haben sich gelöst, und er hängt jetzt, genau wie in Asche und Diamant, mit dem Kopf nach unten.


Wieder ein ikonisches Bild aus Andrzej Wajdas Verfilmung von Asche und Diamant, das übrigens in der Romanvorlage so nicht vorkommt. Es ist sicher kein Zufall, dass diese Szene gleich zu Anfang zu sehen ist, wenn Martin Scorsese über „Masterpieces of Polish Cinema“ spricht. Sie ist auch auf einigen Filmplakaten verewigt.

Seite 97

Und der polnische Adel eiferte dem Schah von Persien ja nach, also versuchst du sie dir jetzt vorzustellen, wie sie auf dem Sieben-Vorläufer von Warschau nach Krakau reiten und andersrum – auf Kamelen mit dreckverschmierten Hufen, knietief im Matsch, dem polnischen Nationalsymbol, und auf ihren Kamelen, denkst du dir, den Asphalt der Landesstraße Nr. 7 vor Augen, müssen sie hier vorbeigekommen sein, vorbeigeritten, schnauzbärtig, in gefiederten Pelzmützen, dieselben polnischen Gesichter, die dir tagtäglich im Laden, im Bus, im Büro, auf dem Amt begegnen, dieselben, exakt dieselben, bloß eben mit ihren kranken Zobelmützen, Schnurrbartspitzen bis auf die Brust, eine Tolle auf den ansonsten geschorenen Schädeln, Słucker-Gürtel um die Hüften, die schweren Mäntel – du schaust auf den Asphalt der Straße Nr. 7, auf die vorbeifahrenden Autos, und du kannst dir das einfach nicht vorstellen.

Da steht er auf der Sieben, der Noble Polonais in seinen gelben Stiefeln, mit Gürtel und Karabella, das Kamel ist schon ein paar Schritte weiter. Die kolorierte Darstellung nach Jan Piotr Norblin entstammt der Sammlung Choix de différens costumes polonais, erschienen 1817 in Paris.

Seite 99

Ein Nysa. Aufgemotzt mit allen Schikanen. Getunt. Auf der Fahrertür ein Sticker mit glänzenden, stylishen Buchstaben: NYSA LUZIFER 2.0.
Wahnsinn, denkst du, wann hab ich das letzte Mal einen Nysa gesehen?


Ein Nysa-Kleintransporter im Einsatz, aufgenommen 1980 in Poznań.

Quelle: Wikimedia Commons

Seite 109f

»Außerdem hat der Typ, hehe, auch spannend, einen Trupp Raubritter.«
»Einen Trupp was?«
»Raubritter.«
»Was denn für Raubritter?«
»Hast du Kajko und Kokosz nicht gelesen?«
»Klar, Mann!«
»Na eben, Raubritter hat der.«
»Was soll denn das für ein Scheißraubrittertrupp sein?«
Jetzt geht dir dieser Ardian mit seinen Knickerbockern und Schottenstrümpfen aber echt auf den Geist. »Wie Hegemon, oder was?«
»Genau«, antwortet Ardian und sortiert seine Ausdrucke.
»Da«, hält er dir einen hin, »schau’s dir an.«


So sehen die Raubritter aus den Kajko und Kokosz-Comics von Janusz Christa aus: gehörnte Helme, Tunika und schwarzes Riemenkreuz. Offenbar hat sich Hieronymus Łycor hiervon für die Kostümierung seiner Raubritter direkt inspirieren lassen.

Seite 111

Świteź fährt also mit gut hundert Sachen nach Książ Wielki rein. Die Fenster sind halb geöffnet. Aus dem Lautsprecher auf dem Dach dröhnt Musik. Die, Die, My Darling von den Misfits.
»Die, die, die, my darling!«, röhrt der aufgepumpte Zwerg Glenn Danzig aus dem Lautsprecher. »Just shut your pretty eyes! I’ll be seeing you again! I’ll be seeing you – in hell!«


Glenn Danzig (eigtl. Glenn Allen Anzalone), Frontmann der US-Punkrockband Misfits, kompensiert geringe Körpergröße durch Muskelmasse. Die, Die, my darling erschien 1984 als EP, nachdem Danzig die Misfits schon verlassen hatte.

Seite 113

»Auf ›Tiger‹ schießen wir mit Vis-sen«, stimmt, sagen wir, Udai, das bekannte Lied an.
»Warschauer Burschen sind feine Kerls, jawohl!«, singt, sagen wir, Kusai weiter.
»Hej, Obacht, Freunde, und die Ohrn gespitzt«, grölen sie nun im Duett.
»Die, die, die, my darling«, grölt Glenn Danzig.


Die Pistolet Vis wz. 35, eine Selbstladepistole aus der Waffenfabrik Radom, war im Zweiten Weltkrieg die Standard-Ordonnanzwaffe der Streitkräfte Polens. Udai und Kusai schmettern hier bekannte Zeilen aus dem patriotischen Lied einer polnischen Pfadfindereinheit, die 1944 im Warschauer Aufstand kämpfte. Der Text stammt von Józef Szczepański, mit „Tiger“ sind die Panzerkampfwagen der Wehrmacht gemeint. Hier eine Aufnahme, die das Museum des Warschauer Aufstands zur Verfügung stellt.

Seite 116

Aus unerfindlichen Gründen bist du felsenfest davon überzeugt, dass es der Waweldrache ist. Nein, nicht aus unerfindlichen. Er kriecht zwar, ist groß, grün und geschuppt, schleift seine Wampe über den Boden und zertrampelt die Autos auf dem Parkplatz, aber auf seinem Kopf sitzt die unverkennbare karierte Ballonmütze. Du wartest nur darauf, dass auch noch Bartłomiej Bartolini und Professor Gąbka angehüpft kommen, aber nichts dergleichen geschieht.

Der sagenhafte Drache soll in einer Höhle unter dem Wawelhügel am Krakauer Weichselufer gehaust haben. Stanisław Pagaczewski hat ihn in seinem Kinderbuch Porwanie Baltazara Gąbki (Die Entführung des Baltazar Gąbka, 1965) verarbeitet, der Koch Bartłomiej Bartolini mischt dort auch noch mit. Illustrator Alfred Ledwig hat dem Drachen die charakteristische rot karierte Ballonmütze verpasst, dazu Kniestrümpfe mit Schottenkaro wie Ardian.
Hier ein Auszug aus der Zeichentrickadaption von 1969/70.

Seite 121

Du weißt auch, ohne zu wissen, woher, aber du weißt, dass du hier, in diesem brennenden Gebäude, etwas finden wirst, etwas, das dich errettet. Einen Ausweg aus dieser, das wirst du zugeben, komplett idiotischen Situation, in die du Volltrottel dich zu manövrieren geruht hast. Ganz ehrlich, du bist hier rein wie in einen antiken Tempel aus einem Buch von Robert Ervin Howard. Und du kannst kaum erwarten, wie es nach der nächsten Ecke weitergeht.

Der US-Amerikaner Robert E. Howard (1906-1936) war ein Autor von Low Fantasy- und Abenteuergeschichten, die er für diverse Pulp-Magazine schrieb. Zu seinen bekanntesten Figuren gehört Conan der Cimmerier. Hier das Cover der Weird Tales-Dezemberausgabe von 1935.

Seite 123

An den Wänden hängen Gemälde. Du leuchtest sie an. Auf allen ist, so dein erster Gedanke, der Schauspieler Cezary Żak zu sehen. Erst später wird dir klar, dass das Hieronymus Łycor sein muss. Gemalt von der ungelenken Hand eines Provinzmalers, gegen den die Kunden, die ihre Bilder am Florianstor ausstellen, allesamt Leonardos sind. Auf jedem Bild trägt Łycor eine andere Tracht aus einer anderen Epoche.

Auf diesem Bild ist der Schauspieler Cezary Żak (geb. 1961) zu sehen, er trägt eine Tracht aus einer anderen Epoche.

Seite 124

Der kleine Kegel deines Handylichtes erleuchtet eine menschliche Gestalt, die reglos vor dir steht.
»Itz«, sagt die Gestalt. »Potz. Trutz. Schreiße.«
Das Gesicht kennst du. Und die Mütze. Vom Zehn-Złoty-Schein.
»Nee, echt jetzt, ich geb auf«, sagst du resigniert. »Diese Elixiere sind ein Witz. Das geht zu weit. Mieszko I.? Ich werd verrückt!«


Hier findet sich eine Sammlung der Entwürfe Jan Matejkos zu seiner Galerie der Könige Polens. Mieszko I. ist dort natürlich prominent vertreten, seine Nachfolger, denen Paweł noch begegen wird, sind mit Ausnahme von Bezprym ebenfalls dargestellt.

Seite 151

Antoni reicht Hieronymus ein Bildchen mit dem heiligen Sebastian, nackt, muskulös, gefesselt wie zur BDSM-Session, von Pfeilen durchbohrt, die Heil’gen werden gern verwundet, und beide strecken die Zungen heraus und lecken den Sebastian ab.
»Ruhig ordentlich«, sagst du. »Je ordentlicher, desto besser. Saliva, Saliva!«


Dieser Sebastian von Albert Edwin Flury (2012) wird es wohl nicht gewesen sein, er hätte aber auch seinen Zweck erfüllt.

Seite 160

Was wird wohl, überlegst du dir, Łycor im Auto gehört haben?
Du startest die CD.
»Dorthin zu kommen ist kein Leichtes«, singt zu deinem Erstaunen Jacek Kaczmarski, »in stürmischen Weiten und brandender Zeit, und dennoch gibt es das Land Sarmatien, liegt irgendwo
Terra Felix
Tja.
Sarmatia.


Kaczmarski singt zur Gitarre den Refrain aus Na starej mapie krajobraz utopijny (1993), vermutlich im Duett mit Zbigniew Łapiński am Flügel. So wie hier.

Seite 174

Du kommst am »Schwarzen Punkt« vorbei, das Zeichen auf dem Schild sieht für dich immer aus wie ein plattgewalztes Männchen, und, notabene, auch hier hat jemand geschickt seine Werbung platziert: 4 Tote, 87 Verletzte … warnt die Firma JĘDR-POL. Productplacement zum Mit-der-Zunge-Schnalzen.

An Straßenabschnitten, auf denen es besonders häufig zu schweren Unfällen kommt, werden in Polen Schilder mit dem „Schwarzen Punkt“ aufgestellt. Auch die Zahl der an dieser Stelle tödlich verunfallten (links unten) und der Verletzten (rechts) wird darauf erfasst.

Quelle: Wikimedia Commons

Seite 175f

Du stehst vor dem städtischen Museum, in dem ein ganz besonderes Möbel aufbewahrt wird: die Kommode mit dem Einschussloch der Kugel, die Józef Piłsudski sich in die Birne jagen wollte, aber danebengeschossen hat. Ähnlich wie du ist der verehrte Großvater in Jędrzejów in die absolute Depression abgestürzt und wollte Schluss machen, hat es aber verbockt.
Du bist mal extra in dieses Museum von Jędrzejów gefahren, um dir das berühmte Loch anzuschauen, aber die Führerin dort hat sich mächtig ins Zeug gelegt dir zu erklären, das mit dem Kopfschuss sei alles Legende, Lügengeschichten, das Loch wär schon von einer Kugel, aber die wär zufällig losgegangen, beim Waffenputzen, und nicht von Piłsudski, sondern von irgendwem, also wie in dem Radio-Eriwan-Witz über die verschenkten Autos.

Kennen Sie den?
Frage an Radio Eriwan: Stimmt es, dass sie in Moskau auf dem Roten Platz Autos verschenken?
Radio Eriwan antwortet: Im Prinzip ja, nur handelt es sich nicht um Moskau, sondern um Sankt Petersburg und nicht um den Roten Platz, sondern um den Warschauer Bahnhof und nicht um Autos, sondern um Fahrräder. Und die werden nicht verschenkt, sondern gestohlen.

Seite 176

Du stelltest ihn dir vor, Piłsudski, wie er hier einzog – allerdings nicht auf seiner Kasztanka, sondern im Auto – in diese kleine Stadt, die trotz allem damals bedeutend besser ausgesehen hat als heute, zumindest hat sie nach etwas ausgesehen, hatte irgendein Aussehen, zumindest einen Markt und, hoho, sogar einen mit Pflaster, nicht wie anderswo, wo das Pferd fesseltief im Schlamm versank, Elbonien und so weiter.

Die Stute Kasztanka (1909/10-1927) gehört zu Marschall Piłsudski wie Rocinante zu Don Quijote oder Plötze zu Hexer Geralt. Hier sind beide in einer Aufnahme aus dem Jahr 1915 zu sehen. Ohne Schlamm.

Quelle: Wikimedia Commons

Seite 183f

Weißt du, ich setz mich zum Beispiel gern in mein Auto, ich hab mir nämlich kürzlich, jawoll, einen Dodge Challenger gekauft«, erzählt er stolz, »und Aaaabfaaaahrt Richtung Częstochowa, Meister.
Wir haben hier«, erzählt er immer noch stolz, »ein Stück Autobahn bei Jędrzejów. Na ja«, er rückt an seiner Mütze, »Schnellstraße, aber das kommt aufs Gleiche raus. Und dann fahr ich so, Fuß auf dem Gas, guck mir das so an und komme mir vor wie …«
»Und du kommst dir vor wie Kowalski.«
»Ja.« Er sieht dir aufmerksam in die Augen, fast argwöhnisch.
»Ich komme mir vor wie Kowalski.«
»Im Dodge Challenger.«
»Ja.«
»In den Staaten.«
»Ja.«


Vanishing Point (1973, Regie: Richard C. Sarafian) kam in die deutschen Kinos als Fluchtpunkt San Francisco (BRD) bzw. Grenzpunkt Null (DDR). Wer sich auch mal kurz fühlen möchte wie Abdel auf der Schnellstraße hinter Jędrzejów bzw. Kowalski (Barry Newman) im weißen Dodge Challenger, der gönne sich den Filmtrailer.

Seite 213

Der Herr wärmt die Fluren in sonnigem Glanz,
der Hirsch läufet frei durch den Wald.
Doch sammelt euch alle, der Sturm ist nah,
und morgen gehört uns die Welt.


Bajajs Hymnus ist aus allen möglichen patriotischen Gesängen zusammengeklittert, sein Grundgerüst bildet aber das Lied Der morgige Tag ist mein (Tomorrow belongs to me)aus dem Film-Musical Cabaret (1972). Nein, das ist keine Nazi-Hymne, auch kein deutsches Volkslied, die Musik stammt von John Kander, der englische Text von Fred Ebb. Auch in der deutschen Synchronfassung legt der Sänger Mark Lambert Schauspieler Oliver Collignon die deutsche Nachdichtung mit amerikanischem Akzent in den Mund. Den Urheber dieses deutschen Textes konnte ich leider nicht ausfindig machen. Die Melodie enthält aber Anklänge an die bekannte Vertonung von Heines Lied von der Loreley durch Friedrich Silcher von 1837. Auch auf musikalischer Ebene wurde also damals schon, bewusst oder unbewusst, mit Zitaten gespielt.

Seite 226

Du hörst Radio. Viel Verkehr. In beide Richtungen. Du fragst dich, ob sie fliehen werden. Wie 1939. Oder ob sie die Straßen blockieren. Erst mal, denkst du dir, fahren sie nach Hause, dann denken sie darüber nach, was zu tun ist. Fernsehen. Sich durch die News wühlen. Frontverlauf analysieren. Sich Gedanken machen.
Im Radio läuft in Dauerschleife Präsident Komorowski. Komorowski kann es sich nicht verkneifen, die Starzyński-Rede mit dem »Es ist also Krieg!« zu kopieren.


„A więc wojna!“ Wer in Polen an den Beginn des Zweiten Weltkriegs denkt, hat diese Sondermeldung des polnischen Rundfunks im Ohr. Sie stammt allerdings nicht vom damaligen Warschauer Stadtpräsidenten Stefan Starzyński, sondern wurde vom Schauspieler Józef Małgorzewski zwei Tage zuvor eingesprochen und am 1. September 1939 um 6.30 Uhr ausgestrahlt.

Seite 257

Du solltest auch nicht mehr erfahren, dass nachdem alles sich wieder beruhigt hatte, aus Opole der Superheld Wilq angeflogen kam, stocksauer, die Halbinsel-Hel-förmige Nase im Gesicht und das Schildkrötenlogo auf dem Kostüm, und dass er den Russen dermaßen auf die Fresse gegeben hat, dass es am Ende fast noch zur Annexion des Kaliningrader Gebiets durch die Woiwodschaft Opole gekommen wäre.

Auch den Superhelden Wilq muss man gesehen haben. Die Brüder Bartosz und Tomasz Minkiewicz haben die Comicfigur 2003 aus der Taufe gehoben, später hat es der Superantiheld aus der oberschlesischen Provinz dank Leszek Nowicki auch noch in die Animation geschafft.


Thomas Weiler

Thomas Weiler wurde 1978 im Schwarzwald geboren. Seit seinem Übersetzerstudium in Leipzig, Berlin und St. Petersburg übersetzt und vermittelt er Belletristik und Kinderliteratur aus dem Polnischen, Russischen und Belarussischen. 2017 erhielt er den Deutschen Jugendliteraturpreis, 2019 wurde er mit dem Karl-Dedecius-Preis geehrt. Er lebt mit seiner Familie in Markkleeberg bei Leipzig. Bei Voland & Quist erschienen seine Übersetzungen von Viktor Martinowitsch, Ziemowit Szczerek und Oleg Senzow.

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